logo3.gif (24002 Byte) BURKHARD STIEGLITZ
Vorsitzender der Bürgerinitiative
"Rettet die Schwebebahn!" e.V.
Krautsberg 5
42275 Wuppertal
Tel. 0202- 550998 Fax 558494
Wuppertal,

1997

 

An den

Kanzler der

Bundesrepublik Deutschland

Dr. Helmut Kohl

Bundeskanzleramt

53106 Bonn

 

Sehr verehrter Herr Bundeskanzler Dr. Kohl!

Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie als gebürtiger Wuppertaler Bürger über die Last ihrer Verantwortung als Bundeskanzler hinaus mit einem Problem befassen muß, das scheinbar lokalpolitischen Charakter trägt, in Wahrheit aber eine kulturelle Weltdimension aufweist.

Als Vorsitzender der Bürgerinitiative "Rettet die Schwebebahn!" e.V. wende ich mich an Sie in brennender Sorge um eines der herausragendsten Baudenkmäler Deutschlands, dessen Planung bereits auf das Jahr 1887 zurückgeht. Anfang Juni 1997 soll der Totalabriß und völlige Neubau der historischen Wuppertaler Schwebebahn beginnen. Zum 100sten Geburtstag im Jahre 2001 wird von der historischen Bahn nicht ein Träger, nicht eine Niete mehr übrig sein. Alles wird der Verschrottung anheim gefallen sein!

Sie können mit Ihrem gewichtigen Wort in dieser verfahrenen Situation noch eine Wende herbeiführen! Die Rettung dieser Bahn hat höchsten bundesweiten Symbolwert!

Der Abriß der Schwebebahn, die schon 1980 hätte unter Denkmalschutz gestellt werden müssen, würde sich zum größten Denkmalschutzskandal der Nachkriegsgeschichte ausweiten, an dem auch das Ausland ein Interesse hätte. Die Bedeutung der Schwebebahn als Meilenstein des Stahlkonstruktionsbaus seiner Zeit ist nur mit dem Eiffel-Turm zu vergleichen. Sie wurde und wird weltweit als Sensation der Verkehrstechnik bestaunt und hat ihre Freunde in allen Ländern der Erde.

Wenn der Abriß einer unausweichlichen sachlichen Notwendigkeit entspränge, müßte man sich damit abfinden. Davon kann keine Rede sein! Denkmalschutz und Restaurierung der Schwebebahn sind technisch möglich. Dies würde den Steuerzahler nur ein Fünftel des geplanten Neubaus kosten. 200 Millionen DM für Restaurierung stehen den von einer Versicherungsgesellschaft in den 80er Jahren geschätzten Kosten für einen Neubau von einer Milliarde gegenüber!

Seit Monaten behauptet der Vorsitzende der Wuppertaler Stadtwerke AG, Herr Prof. Dr. Zemlin, die Stadtwerke bekämen keine Landesmittel, wenn man sie nur renoviere. Dies hat sich mittlerweile als Irreführung der Öffentlichkeit herausgestellt, da die Landesregierung klargestellt hat, daß der Zuschuß auch für Renovierung und Denkmalschutz zur Verfügung stünde. Damit stehen Wuppertal für die Bahn 450 Millionen Mark zur Verfügung. Alle technischen und verkehrspolitischen Daten sprechen für die alte Schwebebahn. Schon 1976 erklärte der damalige Vorstandsvorsitzende der Wuppertaler Stadtwerke AG, Harald Graf, in seiner Laudatio auf die Bahn, daß das Gerüst noch weitere 75 Jahre halten könne, vorausgesetzt, das Gerüst werde sachgemäß gewartet. Wir schreiben heute wohl kaum das Jahr 2050.

Wir legen Ihnen, sehr verehrter Herr Bundeskanzler, ein Buch über die Wuppertaler Schwebebahn als Geschenk bei. Es wurde im Jahre 1991 von den Stadtwerken selbst herausgegeben. Dieses Buch ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, daß die Schwebebahn noch 1991 als zukunftsträchtiges und sicheres Verkehrsmittel eingestuft wurde. Damals war die Welt der Schwebebahn noch in Ordnung!.

Wer das Buch liest, begreift einfach nicht, warum die Schwebebahn heute, nur sechs Jahre später, komplett abgerissen werden muß. Mit der Schwebebahn wird ein funktionsfähiges Verkehrsmittel zerstört. Es droht also nicht nur ein Denkmalschutz-, sondern auch ein Finanzskandal.

Wir haben im beiliegenden Schreiben an den Rat der Stadt Wuppertal vom 26. März 1997 alle Stellen aus diesem Buch zitiert, die verdeutlichen, wie sinnlos der Abriß und Neubau der Bahn ist. Das Buch feiert die Schwebebahn, ihre Modernität und ihre Leistungsfähigkeit Im Einzelnen werden folgende Punkte herausgestellt:

Eines finden Sie, sehr verehrter Herr Bundeskanzler, allerdings nicht in diesem Buch: Einen Hinweis darauf, daß die Schwebebahn abgerissen und neugebaut werden soll. Das beiliegende Buch ist ein Beweis, daß Anfang Juni 1997 der sinnlose Abriß eines funktionsfähigen und beliebten Verkehrsmittels beginnen soll. Dies wäre ein Akt kommunalpolitischen Vandalismus, ein Akt der Steuerverschwendung, an den noch die kommenden Generationen mit Zorn und Scham zurückdenken werden, wenn nicht in den kommenden zwei Monaten noch eine Wende herbeigeführt wird.

Die Bahn scheint zur Zeit unter den Politikern der Stadt Wuppertal keine Fürsprecher zu haben. Jetzt wird mit dem beiliegenden Buch allerdings klar, daß die Öffentlichkeit von den Stadtwerken durch systematische Desinformation über den wahren Zustand der Bahn getäuscht wurde, nur um an 450 Millionen DM Subventionen heranzukommen!

Wir haben die Täuschung der Öffentlichkeit durch den Vorstand der Stadtwerke AG unseres Erachtens schlüssig nachgewiesen. Sie können dies anhand des beiliegenden Informationsmaterials nachprüfen.

Wir haben auch Hermann Josef Richter als Oppositionsführer der CDU-Fraktion im Stadtrat die Unterlagen zugeschickt. Herr Richter müßte bestärkt werden, sofort seinen Einspruch gegen den Abriß zu erheben. Der Abrißtermin rückt näher, und schnelles Handeln ist geboten. Die Weltöffentlichkeit würde sicher in den kommenden Jahren diese Schildbürgeraktion verfolgen, wie eine Stadt sich selbst ihres einzigartigen Wahrzeichens beraubt und die gesamte Menschheit einen Markstein der Verkehrsgeschichte verliert. Die Schwebebahn hat die schweren Bombenangriffe relativ gut überstanden und steht heute noch zu 90% in ihrer historischen Ursubstanz. Sie ist die Altstadt Wuppertals und ein Tourismusmagnet für die nähere und weitere Umgebung des nordrhein-westfälischen Industriegebietes. Sie ist ein Identifikationsobjekt der bergischen Region.

Wir möchten Sie, verehrter Herr Bundeskanzler bitten, sich seitens der Bundesregierung für den Eintrag der Wuppertaler Schwebebahn in die Welterbeliste der UNESCO einzusetzen. Der Antrag kann nur von der Bundesregierung kommen.

Die Anerkennung der Schwebebahn als Weltkulturerbe der Menschheit würde sie für alle Zeiten vor weiteren Akten der Zerstörung schützen. Bis heute hat die Bundesrepublik nur die Völklinger Hütte als Industriedenkmal in der Welterbeliste. Man hat uns bereits inoffiziell seitens der UNESCO mitgeteilt, daß die Schwebebahn gute Aussichten hätte als Welterbe anerkannt zu werden.

Zunächst geht es aber um einen Substanzschutz und deshalb verzeihen Sie uns bitte, sehr verehrter Herr Bundeskanzler, wenn wir an Sie appellieren:

Sprechen Sie bitte mit dem Oppositionsführer im Landtag von NRW, Herrn Linssen, und dem Franktionsvorsitzenden der CDU im Wuppertaler Stadtrat, Herrn Richter, und ermuntern Sie sie, zu dem Abriß und Neubau kompromißlos in Opposition zu gehen. Beide sind vermutlich, ebenso wie die gesamte CDU-Fraktion des Wuppertaler Stadtrates den Falschinformationen durch den Vorstand und Aufsichtsrat der Wuppertaler Stadtwerke AG zum Opfer gefallen!

Für ein Gespräch mit Ihnen, sehr verehrter Herr Bundeskanzler, oder mit einem Ihrer Mitarbeiter stehen wir jederzeit gern zur Verfügung.

 

 

Mit vorzüglicher Hochachtung

 

Burkhard Stieglitz

Vorsitzender der Bürgerinitiative

"Rettet die Schwebebahn!" e.V. (parteilos)

 

In der Anlage: