logo3.gif (24002 Byte) BURKHARD STIEGLITZ
Vorsitzender der Bürgerinitiative
"Rettet die Schwebebahn!" e.V.
Krautsberg 5
42275 Wuppertal
Tel. 0202- 550998 Fax 558494
Wuppertal, 17.11.1997

An
Herrn
Klaus Jürgen Haller
Dahlmann Str. 14
53045 Bonn

Betreff: Abriß und Neubau der Schwebebahn

 

Sehr geehrter Herr Haller,

 

die örtliche Redaktion des WDR hat seit Februar d. J. stets alle Informationen über die Sinnlosigkeit des Schwebebahnneubaus anläßlich der jeweiligen Ratssitzungen erhalten. Bis heute ist über unsere Bürgerinitiative hier in Wuppertal nicht berichtet worden. Es besteht nicht das geringste Interesse unsere Fakten einem breitem Wuppertaler Publikum bekannt zu machen. Wir haben uns daraufhin an die Landes- und Bundespressekonferenz gewandt. Nur in der WAZ wurde das Thema in NRW kritisch aufgegriffen ("Alarm für die Schwebebahn" 2.9.1997). Der Kölner Stadtanzeiger dessen Redakteur, Herrn Eicher, wir einen halben Tag lang über die Problematik vor Ort informierten brachte nicht mit einem Wort den Kernpunkt unserer Kritik: daß es Gutachten aus den 70er Jahren gibt, wonach das Gerüst noch weitere 75 Jahre halten könne. Diese Gutachten hatten die WSW für 8 Millionen DM bei den Professoren Pelikan (Baden-Württembergische Materialprüfanstalt) und Reinitzhuber (TÜV-Dortmund) eingeholt. Es wurde damals ein komplettes Brückenstück von 35 Metern Länge zu statischen und dynamischen Belastungsproben per Schiff nach MAN in Augsburg gebracht. Erst nach dem für die Schwebebahn äußerst positiven Ergebnis stellte der Landeskonservator des Rheinlandes die Bahn 1976 unter Denkmalschutz.

Die Stadtwerke sanierten die Bahn daraufhin von 1976 - 1992. Zu den Arbeiten zählte auch die statische Verstärkung des Gerüstes durch den Einbau von 1000 neuen Brückenlagern in den Jahren 1979-1984. Die Kosten allein für die Brückenlager betrugen 36 Millionen DM. Am 13.12.84 hieß es in der Westdeutschen Rundschau: "Schwebebahn ist top-fit für das Jahr 2000". Nur sieben Jahre danach am 20.6.1991 kommt der damalige Verkehrsminister (heute Innenminister) Kniola aus der Stahlstadt Dortmund nach Wuppertal und seitdem stellte sich die Frage "Wird Schwebebahn noch einmal gebaut?" (siehe WZ vom 20.6.91) Dieser Sinneswandel bleibt bis heute erklärungsbedürftig. Bis heute wurde der Öffentlichkeit die Einsicht in angeblich vorhandene Gutachten verweigert, wonach das Gerüst marode sei. Mittlerweile wissen wir: Ein Gutachten zum Zustand des Gerüstes, wonach dies irreparabel marode sei, kann nicht veröffentlicht werden, weil es dies nicht gibt.

Wir legen Ihnen einen Auszug aus einem Buch der Wuppertaler Stadtwerke aus dem Jahre 1991 bei, aus dem hervorgeht, daß man Anfang der 90er Jahre noch von einem Neuanstrich des Gerüstes ausging. In der Öffentlichkeit wird von den örtlichen Medien der Eindruck erweckt, daß der Abriß des Gerüstes ganz unstrittig notwendig sei: "Daß das Gerüst der Bahn erneuert werden muß ist unter Fachleuten unumstritten..." (WZ-Kommentar von Ulla Damen am 15.2.1997). Diese Behauptung ist unbegreiflich, weil wir Frau Dahmen unseren "Appell der Bürgerinitiative ‘Rettet die Schwebebahn!’ e.V. an den Rat der Stadt 3. Februar 1997" anläßlich der Diskussion der WZ zum Thema Schwebebahn am 6. Februar 97 überreichten. Es wurde darauf auch ausführlich in der Diskussion von uns hingewiesen. Wir sind heute der Auffassung, daß die Schwebebahn nicht der Korrosion, sondern der hier im Tal allumfassenden Korruption zum Opfer fallen wird. Wir haben die Stadtwerke und die Stadt auch entsprechend provoziert, und das ganze Projekt im Anschreiben an die Landes- und Bundespressekonferenz ein kommunales und landespolitisches Verbrechen genannt. Ohne Reaktion der gescholtenen Stellen. Unser Rechtsanwalt hatte uns nämlich gesagt, daß wir nur in einem Prozeß mit den Stadtwerken die angeblichen Gutachten anfordern könnten. Als Bürgerinitiative hätten wir kein Anrecht auf Einsicht in die Gutachten.

Der von uns eingeschaltete Petitionsausschuß des Landtages teilte uns nach einigen Monaten mit, daß auch er an die Gutachten nicht herankönne, da die WSW eine privatrechtliche Gesellschaft seien. Dies Argument ist natürlich fadenscheinig, da den Behörden des Landes die Gutachten hätten vorliegen müssen. Wir hätten sie sonst die Zuschüsse von 450 Millionen DM genehmigen können. Ministerpräsident Rau verwies uns auf unsere Anfrage an seine Ministerin Brusis (Stadtentwicklung, Sport und Verkehr). Aus dem Ministerium erhielten wir nach monatelangem Schweigen dann die Antwort, daß dort die Gutachten nicht vorlägen.

Der Abriß der historischen Bahn wäre einzigartig als ein Fall von Subventionsbetrug und der Zerstörung eines herausragenden Bauwerks der Technikgeschichte unseres Landes.

Verzeihen Sie mir, wenn ich in dieser Sache auch an Sie appelliere. Es sind nicht viele Menschen, die die Dimension dieses Kriminalfalles verstehen. Wenn in fünf Jahren die Bahn dann verschwunden sein wird, wird man wieder jammern, dies sei ein Fehler gewesen. Der WSW-Chef, Hermann Zemlin, räumte bereits auf einer Diskussionsveranstaltung ein, der Abriß der Straßenbahn sei ein Fehler gewesen. Aber man habe hier auf Druck der Deutschen Bundesbahn gehandelt, die sonst die SB-Bahn-Linie Düsseldorf-Hagen nicht eingerichtet hätte. Eine der drei Parallelstrecken zwischen Vohwinkel und Oberbarmen hätte man stillegen müssen. Da ein Teil der Fahrgäste auf die Schwebebahn umstiegen nimmt man nun die - keineswegs dramatische - Fahrgastzahlerhöhung zum Anlaß um die Steigerung bis ins Jahr 2010 hochzurechnen. Das wiederum gibt den Stadtwerken heute die Argumentation, man müsse die Schwebebahn auf eine Kapazität von 150.000 Personen pro Tag erhöhen. Offenbar hat die Deutsche Bundesbahn gegen diese Kapazitätsvergrößerung nichts mehr einzuwenden. Also erst Abriß der Straßenbahn wegen der Überkapazität der drei Linien, dann Abriß der Schwebebahn zwecks Kapazitätsausweitung mittels des 90-Sekunden-Taktes. 1996 hatte die Schwebebahn nur 22,9 Millionen Fahrgäste. 1943 und 1948 zählte man über 24 Millionen. Am 14. Dez. 1950 wurden 84.000 Fahrgäste gezählt. Nach einer einfachen Rechnung könnten heute also über 120.000 Personen pro Tag gefahren werden, da die neue Generation von Gelenkfahrzeugen 205 statt 130 Personen befördern kann.

Die Mitglieder unserer Bürgerinitiative haben keinerlei finanzielles Interesse an dem Erhalt der Schwebebahn. Wir sind überparteilich und sie werden aus unserem gesamten Schriftwechsel keinerlei parteipolitischen Aspekt entnehmen können. Wir wollen kommenden Generation ein einzigartiges Monument des 19. Jahrhunderts erhalten. Hier in der Stadt hat die Bahn im "Establishment" keinen einzigen Fürsprecher. Günter Grass hat gegen den Abriß seine Unterschrift gegeben, ebenso Walter Scheel. Rau drückt sich vor einer klaren Stellungnahme und versteckt sich hinter dem Ressortprinzip seiner Regierung. Die Schriftwechsel können sie dem beiliegenden Informationsmaterial entnehmen.

Im April 1998 soll mit dem Abriß der historischen Bahn begonnen werden. Wenn wir nicht außerhalb der Stadt eine intellektuelle Lobby mobilisieren können, die sich zum Fürsprecher der Bahn macht, stehen wir kommunal und landespolitisch vor einem einmaligen Skandal, der wohl auch an Kalkar erinnert: erst nachdem man alles gnadenlos zuendegebaut hatte verwandelte man den schnellen Brüter in ein Schwimmbad. 6 Milliarden in den Sand gesetzt. Nun bei der Schwebebahn werdens nur 1 Milliarde sein - es könnte aber weit mehr werden. Der Schaden wäre aber im Gegensatz zu Kalkar irreversibel. Ein Kulturerbe der Menschheit, daß mit dem Kölner Dom, dem Aachener Dom zu den drei berühmtesten Bauwerken dieses Landes zählt, wäre ein für allemal zerstört. Wir würden uns nicht so für die Sache ins Zeug legen, wenn wir nicht an ein Rest von Verstand glauben würden, an den es sich zu appellieren lohnen würde. Die Korrespondenz mit den Politikern dieses Landes (Linssen, Rau, Kohl, dem Oberbürgermeister der Stadt, den Stadträten etc. ) läßt mich allerdings an einen Satz von Dr. Hahne denken, den Sie vielleicht als CDGler kennen: "Die Menschheit wird von Tag zu Tag dümmer".

Ich glaube allerdings, daß es zu allen Zeiten immer nur wenige waren, die die Denkanstöße gaben. Ich hoffe darauf, daß vielleicht den ein oder anderen Kollegen einmal auf dieses Thema ansprechen oder noch besser, daß Sie es vielleicht selber einmal aufgreifen. Es zeigt exemplarisch an einem herausragenden landespolitischen Fall, wie sehr man sich in einer politischen Klasse bereits abgeschottet hat gegen jede rationalen Einwände, wenn Subventionsmilliarden die Begehrlichkeit geweckt haben.

Unsere Bürgerinitiative hat in der vergangenen Woche mit vereidigten Sachverständigen Kontakt aufgenommen, die bereit sind das Gerüst zu prüfen. Eine Genehmigung, das Traggerüst der Schwebebahn während der Stillegungszeit vom 21. - 24. November 1997 (an diesen Tagen finden Bauarbeiten für den neuen Bahnhof Kluse am Stadttheater statt) wurde unseren Sachverständigen von den WSW jedoch bereits verweigert. Die WZ, die darüber eine Pressemitteilung erhielt, berichtete natürlich nicht.

Sie mögen vielleicht lächeln, wenn wir daraufhin eine Demonstration und Flugblattverteilung anläßlich der 1. Wuppertaler Pressenacht veranstalteten. Beiliegend das aktuellste Flugblatt "Schwebebahn-Neubau total absurd!" - aber wir wollen uns nicht den Vorwurf machen lassen, in der Öffentlichkeit höre man nichts von uns, wir würden doch nur die Presse mit Material versorgen. Die Recherchen waren in der Tat zunächst einmal notwendig und machen uns in der Sache so sicher.

Am Telefon kritisierten Sie unseren Verdacht, daß es sich hier um ein abgekartetes Spiel handelt von WSW-AG, Politikern und örtlicher Presse. Sie nannten dies Verschwörungstheorie. Vielleicht haben die Deutschen irgendwann eine entkrampftere Beziehung zu diesem, ihrem Denken so fernliegenden Begriff, der in der angelsächsischen Politik eine alltägliche Rolle spielt. Für die Amerikaner ist bereits eine Kriminelle Organisation wie die Mafia eine "Verschwörung". Tatsächlich wurde uns ein Dokument zugespielt, das Protokoll einer Sitzung die am 23. Mai dieses Jahres

Einige überregionale Zeitungen haben sich auch kritisch mit dem Projekt auseiandergesetz (WAZ vom

 

 

Mit freundlichem Gruß

 

 

Burkhard Stieglitz

Anlage(n):