logo3.gif (24002 Byte) BURKHARD STIEGLITZ
Vorsitzender der Bürgerinitiative
"Rettet die Schwebebahn!" e.V.
Krautsberg 5
42275 Wuppertal
Tel. 0202- 550998 Fax 558494
Wuppertal, 12.05.1997

An die

Ministerin für

Stadtentwicklung, Kultur und Sport

Ilse Brusis

Breite Str. 31

40213 Düsseldorf

Betrifft: Bitte um schnellstmögliche Zusendung aller Ihrem Ministerium vorliegenden Gutachten zum Abriß und Neubau der Wuppertaler Schwebebahn (insbesondere die Daten des Prüfstands für statische Großversuche von 1969, von Prof. Dr. Pelikan (Stuttgart), das Gutachten von Prof. Dr. Reinitzhuber (Dort- mund) Mitte der siebziger Jahre, sowie sämtliche neueren Gutachten.

Sehr geehrte Frau Ministerin Brusis!

Aus beiliegenden Schreiben des Herrn Ministerpräsidenten an uns vom 9.5.97 konnten wir entnehmen, daß Sie die im Kabinett Verantwortliche für den Abriß und Neubau der Wuppertaler Schwebebahn sind. Mir wurde telephonisch auch nochmals vom Referenten des Ministerpräsidenten eindrücklich gesagt, daß die Verantwortung bei Ihnen und keineswegs beim Ministerpräsidenten liege und man deshalb unser Schreiben an den Ministerpräsidenten auch gleich an Sie weitergeleitet habe.

Da wir uns in unserer - Anfrage an den Rat der Stadt Wuppertal und in unserer Argumentation auf das Buch der Wuppertaler Stadtwerke

"Die Wuppertaler Schwebebahn Geschichte - Technik - Kultur"

aus dem Jahre 1991 stützen, übersenden wir es auch Ihnen. Unserem Anschreiben liegt außerdem bei: der Appell unserer Bürgerinitiative "Rettet die Schwebebahn!" e. V. an den Rat der Stadt vom 3. Februar 1997 und ein Anschreiben an alle Stadträte vom 24. März 1997 einschließlich einer Anfrage mit 146 Fragen zum Schwebebahnprojekt. Aus diesen Unterlagen können Sie entnehmen, daß wir von den Wuppertaler Stadtwerken über die Notwendigkeit eines Schwebebahnabrisses

systematisch und seit einem Jahr bis heute dermaßen desinformiert wurden, daß sich die Frage des Betruges stellt.

Am 4. April 1997 berichtete die WZ (siehe beiliegenden Presseausschnitt), Sie hätten als die verantwortliche Ministerin die Zusage gegeben, "der vom Land gewährte Zuschuß von 450 Millionen DM werde auch dann gegeben, wenn die Schwebebahn ein Denkmal sei." Darüber waren wir als Bürgerinitiative höchst erfreut, hatten wir doch zwei Tage zuvor dem Ministerpräsidenten genau diese Frage gestellt. Es scheint allerdings bereits wieder alles ganz anders zu sein, denn im Denkmalausschuß der Stadt Wuppertal wurde am 6.5 1997 von Stadtrat Volker Dittgen (SPD), Aufsichtsratsmitglied der WSW AG, dem Denkmalausschuß mitgeteilt, daß sich Ihr Ministerium weigere eine definitive Zusage zu geben. Es sei noch immer keineswegs sicher, daß die 450 Mio DM auch im Falle einer Unterschutzstellung der Schwebebahn gezahlt würden. Infolgedessen könne er nicht für die Unterschutzstellung der Schwebebahn stimmen. Als sie hörte, daß es keine Zusage für Gelder im Falle des Denkmalschutzes für die Bahn gebe lehnte es die Denkmalkommission ab, über die Unterschutzstellung der Schwebebahn weiter zu diskutieren und vertagte die Entscheidung auf eine Sondersitzung am 27. Mai 1997, für den Fall, daß der Rat bis dahin nicht über den Antrag zur Unterschutzstellung am 26. Mai entschieden hat!

Haben Sie tatsächlich den Stadtwerken oder der Stadt Wuppertal keine Zusage gemacht, daß die Bahn auch im Falle einer Unterschutzstellung die Mittel erhält? Wie kommt es dann zu der Berichterstattung der WZ vom 4.4.97? Haben Sie tatsächlich keinen schriftlichen Vorgang über diese Zusage? Wenn dies doch zutreffen sollte, bitten wir um eine Kopie dieses Schriftstückes. Wir finden es schon erstaunlich, welches Verwirrspiel um den Abriß der Schwebebahn aufgeführt wird. Aber offensichtlich will Herr Dittgen und die Denkmalkommission Ihnen die Verantwortung für die nun bald bevorstehende Vernichtung der historischen Schwebebahn zuschieben.

Sehr geehrte Frau Ministerin Brusis! Die Bürgerinitiative benötigt dringend die Gutachten zum angeblich so maroden Zustand der Bahn. Es soll unter anderem ein Gutachten eines Prof. Dr. Seglacek (Aachen) und ein umfangreiches Gutachten der Firma Thyssen Engeneering geben. Von Letzterem liegt uns eine Kurzfassung vor. Die Begründung für den Abriß der Bahn soll angeblich aus diesen Gutachten hervorgehen. Wir verstehen beim besten Willen nicht, warum man die Gutachten vor der Öffentlichkeit unter Verschluß hält. Sie wären doch das Argument für einen notwendigen Abriß/Neubau des Gerüstes. Taugen die Gutachten etwa nichts? Tatsächlich ist es in hohem Maße erstaunlich, daß ein Gutachten von einer am Ausschreibungsverfahren beteiligten Firma eingeholt worden sein soll. Thyssen führt sogar Stahlarbeiten an den Brücken der Schwebebahn durch. Wenn das Gutachten von Prof. Dr. Seglacek von gleicher Qualität ist, wäre dies ein einzigartiger Skandal. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf zu erfahren, warum eine Schwebebahn, die noch vor sechs Jahren renoviert werden sollte, plötzlich unrettbar marode sein soll.

Die Stahlfachleute, mit denen wir das Gerüst zwischen Döppersberg und Ohligsmühle besichtigten, sagten, daß die Nietung noch hervorragend sei und der Rost die Winkelbleche nicht dermaßen geschädigt habe, daß die Statik des Gerüstes verkehrsgefährdend beeinträchtigt sei. Das Gerüst halte noch hundert Jahre meinte man. Voraussetzung ist natürlich eine sachgerechte Pflege.

Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß wir im Moment des Abrisses über genügende Mengen Stahl verfügen werden, den wir materialtechnischen Prüfungen unterziehen werden. Sollte sich dann die Unhaltbarkeit der Gutachten erweisen stünden diejenigen in der Verantwortung, die der Öffentlichkeit die Gutachten vorenthalten haben.

Hat eigentlich Ihr Ministerium die Erlaubnis zum Abriß des Gerüstes und zum Neubau der Bahnhöfe erteilt? Dies wird hier in Wuppertal verbreitet - nicht nur von der WZ, in der es im Lokalteil am 4.4.97 heißt: "Eine Rekonstruktion des Gerüstes ist bereits genehmigt, denn ‘Denkmalschutz kann nicht rückwirkend greifen’, so Britta Ringbeck. Ebenso sind die Ausbaupläne der zwölf Haltestellen ... von der Bezirksregierung genehmigt." Hat das Ministerium für Stadtentwicklung diese Genehmigungen für die Zerstörung der Jugendstil-Bahnhöfe ebenfalls erteilt? Übrigens muß sehr wohl nochmals jeder Abriß genehmigt werden, wenn die Bahn unter Denkmalschutz steht. Rückwirkend kann Denkmalschutz nicht auf zerstörte Gebäude ausgedehnt werden. Die Bahn steht aber noch. Und erschwerend kommt hinzu, daß die Stadtwerke genau wußten, daß die Bahn ein Denkmal höchsten Ranges darstellt. Unter der Nummer 4035 wurde die Schwebebahn bereits in die Denkmalliste der Stadt Wuppertal eingetragen (siehe beiliegende Kopie aus der Denkmalliste der Stadt). Allerdings verzichtete man auf das Datum der Eintragung. Und jetzt soll es gar keine Karteikarte Nr. 4035 geben. Wohl aber gibt es schon den Brief an die Stadtwerke, den man sofort abschicken will, wenn am 26.Mai 1997 die Bahn unter Schutz gestellt werden soll. Allerdings findet sich in diesem Schreiben auch der Satz, "daß die Bahn von Amts wegen gelöscht wird, wenn die Eintragungsvoraussetzungen nicht mehr vorliegen. Über die Löschung erhalten Sie dann Bescheid."

Vorsorglich weise ich Sie auf eine Taktik hin, die im Denkmalausschuß des Stadtrates am 6. Mai 1997 in skrupelloser Offenheit ausgesprochen wurde: Man sei sich einig, daß alles abgerissen werden dürfe, wofür man schon die Aufträge vergeben habe. Werden Sie als Ministerin diese Farce des Stadtrates zulassen? Der Rat der Stadt weiß doch, daß die Bahn ein Baudenkmal ist, das sogar eine Eintragung in die Liste der UNESCO verdienen würde als Welterbe der Menschheit. Wer soll noch verstehen, daß von der Bahn von 1900 im Jahre 2000 nichts an Bausubstanz mehr übrig sein wird, obwohl die Originalsubstanz in gutem Zustand noch zu 90% erhalten ist! Wollen Sie wirklich, daß NRW ein derartiges Monument des 19. Jahrhundert verliert? Wir beabsichtigen jedenfalls in den kommenden Monaten das Thema auch in anderen Städten publik zu machen. Der bevorstehende Abriß der Schwebebahn für 1 000 000 000 DM ist ein ebenso großer Skandal wie die Bauruine Kalkar, an der man auch gnadenlos weiter arbeitete, bis man nach der Vergeudung aller Mittel den Fehler einsah. Kann man nicht im Vorfeld einen Fehler eingestehen und den Neubau verhindern?

Wie kann es plötzlich erlaubt sein, die Schwebebahn für eine doppelt so große Fahrgastkapazität auszubauen? Damit macht man doch wieder der S-Bahn Düsseldorf-Hagen Konkurrenz. Mußte nicht erst vor 10 Jahren auf Druck "von Oben" die Talstraßenbahn in Wuppertal abgerissen werden, weil sich die S-Bahn-Strecke sonst nicht lohnte und jetzt darf man auf einmal die Schwebebahn für die doppelte Kapazität ausbauen? Irgendwie verrückt und vielleicht auch nicht ganz legal?

Verzeihen Sie uns, sehr geehrte Frau Ministerin, daß wir langsam sarkastisch werden. Wir wissen noch nicht, wer die Schuldigen sind und wer nur von den Stadtwerken getäuscht wurde. Aber hier bereitet sich eine Heimatzerstörung vor, die wir nicht begreifen können und deshalb auch nicht hinnehmen werden.

Wir wollen keine Museumsbahn und die Schwebebahn wird dies auch nicht werden, wenn man den Lack vom Gerüst abstrahlt bis auf den blanken Stahl, verrostete Träger austauscht, alles neu mit einem modernen Korrosionsschutz versieht und die alten Bahnhöfe in historischem Glanz und in Originalsubstanz renoviert.

Denkmalschutz und Renovierung kämen für das Land übrigens viel billiger. Die Renovierung von Gerüst und Bahnhöfen dürfte bei etwa 200 Millionen liegen, ein Abriß und Neubau wird nach der Veranschlagung einer Versicherung Anfang der 80er Jahre 1 Milliarde kosten. Hinzu kommt, daß die Korrosionsschutzverfahren mittlerweile so perfektioniert wurden, daß die Bahn höchst dauerhaft für die Zukunft gesichert werden kann. An beiliegendem Artikel über Korrosionsschutz am Schiffshebewerk Henrichenburg konnten wir lernen, daß dauerhafte Substanzsicherung als Denkmalschutz auch für die Stahlkonstruktionen aus dem 19. Jahrhundert möglich ist. Nach 10 Jahren wurde der Korrosionsschutz in Henrichenburg einer wissenschaftlichen Prüfung unterzogen. Dabei hat sich das neuartige Verfahren als hervorragend geeignet herausgestellt. Hat man seitens Ihres Ministeriums einen Kostenanschlag über einen derartigen modernen Korrosionsschutz eingeholt? Das wäre auch die Pflicht der Stadtwerke gewesen. Mit einem derartigen Verfahren gesichert, könnte die Bahn doch mühelos so wie bisher ins 21. Jahrhundert fahren. Wir wollen nicht nur Renovierung und Substanzschutz der Bahn sondern würden auch ein neues Signalsystem begrüßen, daß es erlauben würde endlich sicher im 2 Minuten-Takt zu fahren. Der Einbau von behindertengerechten Aufzügen ist auch bei der alten Bahn möglich und war auch so von den Stadtwerken vor sechs Jahren noch geplant.

Wenn die uns ans Herz gewachsene Bahn abgerissen wird, sind wir an der neuen nicht mehr interessiert. Suchen Sie dann die modernste, leiseste oder auch schnellste Lösung. Magnetschwebebahn mit Verzweigungen nach anderen Stadtteilen- warum nicht? Solches wurde noch Anfang der 50er Jahre in Wuppertal geplant, wie Sie beiliegenden Zeichnungen entnehmen können. Mit aller Deutlichkeit verwahren wir uns gegen einen Abriß und anschließenden Nachbau von Bahnhöfen die erst vor 10 Jahren aufwendig renoviert wurden. Für diese teuerste und unsinnigste Lösung sind wir nicht zu haben. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Bahn deshalb geschreddert werden soll, weil dies genau die teuerste Lösung ist.

Aus dem Schreiben von Ministerpräsident Rau geht hervor, daß die Stadt nur noch die Bahnhöfe unter Denkmalschutz gestellt sehen will, deren Umbau noch nicht genehmigt wurde. Die Untere Denkmalbehörde hat ihren Brief an die Stadtwerke auch so abgefaßt, daß die Schwebebahn als "Gesamtanlage" unter Schutz gestellt wird. So steht sie ja auch bereits - merkwürdig genug und auch noch ohne Datum - in der Denkmalliste der Stadt Wuppertal (siehe beiliegende Kopie). Der Eintrag muß zwischen dem 22. und 31. Januar 1997 erfolgt sein. Bitte stellen Sie die Bahn so unter Schutz wie es das Gesetz und die Untere Denkmalbehörde sowie der Landeskonservator verlangen: als Gesamtanlage

Für ein Gespräch mit Ihnen stehen wir gern bereit. Noch hoffen wir auf die Kraft rationaler Argumente.

 

Mit freundlichem Gruß

 

 

Burkhard Stieglitz

 

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