logo3.gif (24002 Byte) BURKHARD STIEGLITZ
Vorsitzender der Bürgerinitiative
"Rettet die Schwebebahn!" e.V.
Krautsberg 5
42275 Wuppertal
Tel. 0202- 550998 Fax 558494
Wuppertal, 07.05.1997

An den Vorsitzenden der CDU-Fraktion
im Landtag von NRW
Herrn
Dr. Helmut Linssen
Platz des Landttages 1
40221 Düsseldorf

Sehr geehrter Herr Dr. Linssen!

Wir wenden uns an Sie als den Vorsitzenden der Oppositionsfraktion im Landtag von NRW, weil wir als Bürger der Stadt Wuppertal hilflos mitansehen müssen, wie das Wahrzeichen der Stadt, die Wuppertaler Schwebebahn, vor ihrer vollständigen Zerstörung steht. Die meisten Bürger sind sich noch nicht bewußt, was das für das Ansehen der Stadt bedeuten wird. Man reißt das Herzstück unserer Heimat ab! Kein Träger, keine Niete der Bahn, die 1887 geplant und 1900 von Kaiser Wilhelm II eingeweiht wurde, wird zum 100sten "Geburtstag" mehr übrig sein. Es bleiben lediglich von der heutigen Bahn die Stationen Döppersberg (gebaut nach einem Abriß des Möhringschen Bahnhofs im Jahre 1925), die Haltestelle Alter Markt (von 1968) und Ohligsmühle (1982). Ein oder zwei Stationen der historischen Baureihe will man nachbauen! Für die Originalbahn erhalten wir also einen Phantasialand-Bahn-Verschnitt.

Ursprünglich wurde behauptet, das Gerüst sei durch Rost so schwer geschädigt, daß die Verkehrssicherheit nicht mehr gewährleistet sei. Deshalb müsse man das Gerüst schnellstens abreißen. Als die Bürgerinitiative "Rettet die Schwebebahn!" e.V. dann nachwies, daß nur der Lack, keineswegs aber der Stahl marode sei, verlagerte man seitens der Stadtwerke das Argument. Der Vorstandsvorsitzende der Stadtwerke AG, Herr Prof. Dr. Hermann Zemlin verbreitete auf diversen öffentlichen Veranstaltungen in Wuppertal die unwahre Behauptung, für eine Renovierung des Gerüstes und der Bahnhöfe stünden seitens des Landes NRW keine Mittel Verfügung. Nur bei einem Neubau, der zugleich die Transportkapazität der Bahn erhöhe, erhalte man die Zuschüsse vom Land.

Eine Renovierung der Bahn würde lediglich ca. 180-200 Millionen Mark kosten, während der nunmehr in Aussicht stehende Neubau 1 Milliarde kosten dürfte. Die Stadtwerke kennen diese Zahl, weil in den 80 Jahren ein Neubau der Bahn von einer Versicherung auf diese Summe taxiert wurde. 450 Millionen Mark erhält die Stadt als Zuschuß für den Neubau. Wer soll den Rest ausgleichen? Für 500 Millionen DM bekommen wir keine neue Schwebebahn! Wir würden uns auch Zuschüsse für diesen skandalösen Abriß als Danaer-Geschenk verbitten!

Nun heißt es auf einmal seitens der Ministerin für Stadtentwicklung, Kultur und Sport, Frau Ilse Brusis, daß auch für eine Renovierung des Verkehrsmittels und für den Denkmalschutz der Bahn die Landesmittel bereitstünden (siehe beiliegenden WZ-Artikel vom 4.4.97). Warum werden wir Wuppertaler Bürger immer nur scheibchenweise über die Wahrheit informiert, während der Termin des Abrisses näher und näher rückt? In Wuppertal gehen die meisten Bürger noch immer von einer Renovierung aus, während der Neubau beschlossene Sache zu sein scheint. Der Stadtrat will erst am 26. Mai 1997 über die Unterschutzstellung der Schwebebahn entscheiden. Dann werden endgültig alle Aufträge zum Neubau vergeben sein. Und wenige Tage später beginnt der Abriß - immer nur an Wochenenden und in Nachtschichten. Dann wird die Stadtbevölkerung das einzigartige Schauspiel miterleben können, daß ihre Bahn unter Denkmalschutz steht und trotzdem abgerissen wird, weil Denkmalschutz nicht rückwirkend greifen kann! Schilda läßt grüßen!

Der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Wuppertaler Stadtrat, Hermann Josef Richter, wird sich in wenigen Wochen fragen lassen müssen, warum er sich die Desinformationskampagne der Wuppertaler Stadtwerke kommentarlos hat gefallen lassen! Was hindert ihn, jetzt seine Unterstützung für den Abriß aufzukündigen, nachdem das ganze Argumentationsgebäude der Stadtwerke in sich zusammengebrochen ist? Die Planung des Schwebebahnneubaus erweist sich immer mehr als ein einziges Desaster mit verheerenden Folgen für die Stadt.

Bitte lesen Sie unsere Argumente gegen den Abriß und Neubau, die wir dem Rat der Stadt in einem Appell bereits am 3. Februar dieses Jahres mitgeteilt haben. Darüberhinaus wurde der Stadtrat am 26. März 1997 von unserer Bürgerinitiative eindringlich auf ein Buch der Stadtwerke hingewiesen: "Die Wuppertaler Schwebebahn Geschichte-Technik-Kultur" aus dem Jahre 1991. Die Stadtwerke führen ihre heutige Argumentation in ihrem eigenen Buch aus dem Jahre 1991 selbst ad absurdum. Dieses Buch wird für alle Zeiten ein Kronzeugnis gegen den Neubau ablegen. Das Buch ist von höchster Brisanz, und wir legen es Ihnen als Geschenk bei. Sie können die Quellenhinweise in unserem Schreiben an den Stadtrat damit unmittelbar selbst nachschlagen und auf ihre Richtigkeit prüfen. Das Buch zeigt auch die kulturelle Bedeutung der Bahn auf. Der zehnseitigen Analyse des Buches schließt sich ein Katalog von 146 Fragen zum Schwebebahnprojekt an, der Grundlage für einen Untersuchungsausschuß des Landtages sein könnte. Der Oberbürgermeister, Dr. Kremendahl (SPD), hat es bis heute nicht für nötig befunden auch nur eine Frage zu beantworten.

Sehr geehrter Herr Dr. Linssen! Die Öffentlichkeit wird über die Notwendigkeit des Schwebebahnneubaus systematisch von den Stadtwerken desinformiert. Jüngstes Beispiel ist ein Artikel in der Welt vom 27. 3.97. Darin heißt es: "Die Stadtwerke hätten am liebsten Bahnhöfe aus Glas und Stahl, breitere Treppen und damit eine höhere Kundenfreundlichkeit. Denn mittelfristig will das Unternehmen statt bislang 75.000 täglich 100.000 Fahrgäste in die Schwebebahn locken. Die derzeitigen ‘Schmuddelecken’ in der Bahn und der Rost an den Stelzen müßten dafür ebenso beseitigt werden wie nicht mehr zeitgemäße Bahnhöfe ohne Fenster und mit starkem Durchzug, heißt es aus der Betreibergesellschaft."

Das kann man einer Hamburger Redaktion erzählen! Wir haben die Fensterfronten der Elberfelder Strecke einmal vermessen: Der Bahnhof am heutigen Robert-Daum-Platz war schon 1900 ein moderner "Glaspalast". Die Fensterfront ist durchgehend 20 Meter breit und 4 Meter hoch. Die Fensterfläche auf einer einzigen Seite beträgt also ca. 80 m²! Alle Elberfelder Bahnhöfe sind zu Kaisers Zeiten geradezu von Licht durchflutet gewesen! Was haben die "kundenfreundlichen" Stadtwerke daraus gemacht? Überall haben sie die Fensterfronten mit zwei, teilweise sogar mit drei riesigen Plakatwänden verstellt. In der Varresbeck verdunkeln Plakatwände von insgesamt 12 m Breite und 2,70 m Höhe den Lichteinfall. Weil schon 1900 die Barmer diese zugigen "Glaskästen" nicht wollten, wurde die Barmer Strecke im Jugendstil geplant. Dabei wurden in jedem Bahnhof auf beiden Bahnsteigen Nischen für Bänke eingebaut, die Schutz vor Zugluft bieten sollten. Diese Nischen sind heute zugebaut und Rumpelkammern. Hier könnten bei einer Renovierung sehr leicht die behindertengerechten Aufzüge eingebaut werden, ohne das Äußere der historischen Fassade zu verschandeln. Auch auf der Barmer Strecke sind die meisten Fenster mit Plakatflächen verbaut. Nun zum Stichwort "Schmuddelecken". Die Stadtwerke sollten sich schämen dieses Argument vorzutragen! Ja, dreckig ist sie, unsere Schwebebahn! Sie ist in schlechten Händen! Das Juwel unserer Stadt verrottet unter diesen "Stadt"-Werken! Nach einem halben Jahr werden die neuen Bahnhöfe genauso dreckig sein, wie es schon jetzt die Treppenaufgänge in Oberbarmen sind - vom Bahnhof Ohligsmühle ganz zu schweigen!

Es wird mit der Schwebebahn ein intaktes zukunftsträchtiges Verkehrsmittel im Werte von 1 Milliarde DM einer sinnlosen Vernichtung übergeben. Das halten wir für Veruntreuung von öffentlichen Geldern! Der widersinnige Abriß und Neubau der Schwebebahn ist ein Akt von kommunalpolitischem Vandalismus, wie er in der Geschichte unseres Landes seinesgleichen sucht. Aber schon jetzt regt sich auch überregional bei Meinungsträgern Widerspruch und Empörung gegen das, was der Stadt Wuppertal, ihren Bürgern und der gesamten Weltöffentlichkeit mit dem Abriß dieses Kulturerbes der Menschheit angetan werden soll. Günter Grass hat bereits gegen die Zerstörung der historischen Schwebebahn mit seiner Unterschrift Stellung bezogen. Es ist einzigartig, mit wieviel Hinterlist und Hartnäckigkeit der Abriß der Bahn betrieben wird! Wer hat denn ein solches Interesse an diesem Neubau und warum? Aber man kann nicht alle Menschen die ganze Zeit in die Irre führen, wie es schon Lincoln sagte!

Die Renovierung und damit Rettung der Schwebebahn für kommende Generationen ist ein absolutes Muß, das in der Landes- und Stadtpolitik jetzt erste Priorität haben sollte. Hier ist ein Krisenstab erforderlich. Stadt und Land und die gesamte Weltöffentlichkeit müssen vor einem irreversiblen Fehler bewahrt werden! Als gebürtiger Wuppertaler kann ich Ihnen versichern, daß dieser sinnlose Neubau der Schwebebahn eine nie wieder heilende Wunde in dieser Stadt hinterlassen wird.

Der Abriß der ersten Zahnrad-Bergbahn Deutschlands in Wuppertal Barmen in den fünfziger Jahren wird heute bedauert. Die Stillegung der Straßenbahn 1987 wird schon 10 Jahre danach als Fehler eingeräumt. Thalia-Theater, Lichtscheider Wasserturm, Odin-Palast, Adler-Brauerei - ihr Abriß gilt heute als "Fehler". Das Luftkurhaus ist weg, es gibt kein Planetarium mehr und jetzt kommt als unglaublicher Gipfel: der Abriß der historischen Schwebebahn, des Wahrzeichens der Stadt! Normalerweise müßte man dies als einen schlechten Witz bezeichnen, aber es stellt sich immer mehr als ein sich verwirklichender Alptraum heraus. Wir lassen uns als Bürger, die im Vorfeld der Entscheidung nicht haben mitreden können, die auch nie gefragt wurden zu dieser Verschandelung der Stadt, nicht andauernd von den Politikern im Nachhinein sagen, "leider war es ein Fehler, aber nicht vorauszusehen! Jetzt kann man leider nichts mehr ändern." Die Reue kam stets zu spät, jetzt muß sie vorher kommen, um das Schlimmste noch zu verhindern.

Die Schwebebahn mit ihren historischen Bahnhöfen ist die Altstadt Wuppertals! Was bleibt uns und kommenden Generationen nach ihrem Abriß denn noch?

Oberbürgermeister Dr. Kremendahl sagte im Rat am 3. Februar 1997 mit bewegenden Worten:

"Die Wuppertaler Schwebebahn ist nicht irgendein Massenverkehrsmittel, das es in jeder anderen Großstadt gibt:

-und deshalb fehlt uns was, wenn die Schwebebahn, was ja höchst selten vorkommt, aus irgendeinem Grund einmal nicht in einer Kurve quietscht."

Diese Rede liegt im Foyer des Rathauses aus. Was meinen die Politiker eigentlich, was die Bürger daraus entnehmen? Doch wohl, daß die Bahn renoviert wird. Die Bürger werden systematisch hinters Licht geführt. Statt dessen erhalten wir aus der "Ideenwerkstatt Wuppertal" einen miserablen Schwebebahnverschnitt, präsentiert mit antiquiertem Nietengerüst und "supermodernen" Bahnhöfen, wo es - wenn schon ein völliger Neubau des Gerüst notwendig wäre - jeder Experte das Umgekehrte empfohlen hätte: geschweißtes Gerüst und Erhalt der historischen Bahnhöfe.

Die Fahrgastzahl-"Berechnungen" der Stadtwerke für das Jahr 2001 sind rein fiktiv. Sie dienen als Begründung für die überflüssige Kapazitätserweiterung, sprich den "Ausbau". Der 90-Sekunden-Takt ist ein Tempo-Wahn und wird vermutlich in fünf Jahren gar nicht gefahren werden, zum einen wegen der damit verbundenen Gefahren auch für die dann zugelassenen Rollstuhlfahrer und Kinderwagen, zum anderen, weil die jetzige Fahrzeuggeneration noch voll funktionsfähig ist, sich aber für den 90-Sekunden-Takt nicht eignet. Wenn dann endlich in 25 Jahren die heutigen Wagen erneuert werden müssen, ist die Bevölkerungszahl wahrscheinlich so weit gesunken, daß sich sogar der heute schon gefahrene 3-Minuten-Takt erübrigen wird. Technisch möglich ist bereits jetzt ein 2-Minuten-Takt.

In vier Jahren hat die Stadt eine ungeliebte Bahn mit einer Kapazität, die niemand braucht; die Landeskasse wird um 800 Millionen Mark geschröpft, die Stadt hoch verschuldet sein. Die Verantwortlichen werden nicht mehr in Wuppertal wohnen und woanders ihre Schildbürgerstreiche verüben. Wir Bürger dürfen dann sehen, wie wir mit dieser Bahn der Schande und ihren extremen Folgekosten für Zinsen und Wartung künftig zurechtkommen.

Das alles läßt sich präzise vorhersagen. Allen Verantwortlichen und Informierten muß das Ausmaß des Desasters schon heute bewußt sein. Möge uns in wenigen Jahren nur keiner kommen und scheinheilig rufen: mea culpa! Heute kann man das Schlimmste noch verhindern. Die von Herrn Prof. Dr. Zemlin (SPD) angedrohten 100 Millionen Mark Regreßkosten sind eine reine Desinformation. Wir haben uns bei Stahlbauunternehmen kundig gemacht und dort sagte man uns, daß man schon genau nachweisen müsse welcher Gewinn entgangen sei. Es könne sich allenfalls um etwa 10-20 Millionen DM handeln. Was ist das im Vergleich zu den eingesparten Summen bei einer Renovierung?

Schon jetzt kann mit aller Bestimmtheit gesagt werden, daß der Schwebebahn-Abriß aus verkehrspolitischen und finanziellen Überlegungen heraus ganz unsinnig ist. Warum hält man an diesem Projekt so hartnäckig fest? Fällt die Bahn der Korrosion oder dem "Gewinnstreben" zum Opfer? Etliche Herren vom Bauamt der Stadt haben ja bereits Bekanntschaft mit dem "Bau" gemacht.

Noch ist eines der herausragendsten Denkmäler der nordrhein-westfälischen Industriekultur zu retten! Beiliegend ein Prospekt der Völklinger Hütte, die bereits zum Welterbe der Menschheit erklärt wurde. So geht man in anderen Bundesländern mit Industriemonumenten um. Dabei ist die Schwebebahn ein völlig intaktes Verkehrsmittel, das nur renoviert und regelmäßig gewartet werden muß! Bei der UNESCO räumt man der Schwebebahn größte Chancen ein, als Welterbe anerkannt zu werden. Vorschläge für Kirchen, Klöster und Tempel hat man genug. Aber ein Verkehrsmittel, das zu 90% in seiner historischen Substanz den Bombenhagel überstanden hat, ist nach wie vor einmalig. Der Vorschlag, die Bahn nach dem Abriß und Neubau unter Denkmalschutz zu stellen, ist so närrisch, daß die ganze Stadt der Lächerlichkeit anheim fallen würde. Nach dem Abriß besteht keine Aussicht mehr darauf, daß die Bahn als Welterbe anerkannt werden könnte. Das Original wäre zerstört!Was uns allen verloren ginge, können Sie am besten an beiliegenden Fotografien der historischen Bahnhöfe und fünf Architekturzeichnungen aus dem Jahre 1900 ersehen.

Wir hoffen nun auf Ihre Unterstützung, denn Sie sind der einflußreichste Oppositions-Politiker in NRW, und deshalb stellen wir auch Ihnen die Unterlagen zur Verfügung. Im Augenblick kann die Bevölkerung vielleicht noch über die Hintergründe dieser Kulturschande hinweggetäuscht werden. Auf Dauer wird sich die Wahrheit durchsetzen. Wir können als Bürgerinitiative zur Zeit noch nicht gegen die massive Medienkampagne der Stadtwerke ankommen, mit der die Öffentlichkeit desinformiert wird. Es muß jetzt schnell gehandelt werden, um Schaden (finanziell und kulturell) von der Stadt Wuppertal, aber auch vom ganzen Land NRW abzuwenden. Noch ist der Abriß der Bahn zu stoppen. Jetzt ist es Zeit für konstruktive Opposition!

Wir sehen Ihrer Antwort mit größtem Interesse entgegen und stehen zu einem Gespräch jederzeit zur Verfügung.

 

Mit freundlichem Gruß

 

 

Burkhard Stieglitz

Vorsitzender der Bürgerinitiative

"Rettet die Schwebebahn!" e.V.

 

 

 

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