logo3.gif (24002 Byte) BURKHARD STIEGLITZ
Vorsitzender der Bürgerinitiative
"Rettet die Schwebebahn!" e.V.
Krautsberg 5
42275 Wuppertal
Tel. 0202- 550998 Fax 558494
Wuppertal, 01.05.1997

 

An den

Kaufmännischen Direktor

der Wuppertaler Stadtwerke AG

Herrn Böhm

Bromberger Str. 39-41

42281 Wuppertal

 

Einschreiben/Rückschein

 

Sehr geehrter Herr Böhm!

Beiliegend finden Sie den Appell der Bürgerinitiative "Rettet die Schwebebahn!" e.V. an den Rat der Stadt vom 3. Februar 1997 und eine Anfrage an den Rat vom 24. März d.J. Da der Herr Oberbürgermeister Dr. Kremendahl uns gebeten hat, uns zur Beantwortung beiliegender Fragen unmittelbar mit den Stadtwerken in Verbindung zu setzen, wollen wir dies hiermit erneut tun und Sie bitten, uns von den 134 Fragen jene zu beantworten, die in Ihren Aufgabenbereich fallen.

Wir haben uns in unserem zweiten Schreiben an den Rat der Stadt vornehmlich auf das Buch der Stadtwerke über die Wuppertaler Schwebebahn aus dem Jahre 1991 bezogen. Da Sie selber im Vorspann unterzeichnet haben, dürfte Ihnen der Inhalt dieses Buch ja bekannt sein. Um so mehr überrascht es uns, daß der Vorstand der WSW nur sechs Jahre nach erscheinen dieses Buches in Überrumpelung der Öffentlichkeit einen Neubau der Bahn in die Wege leitet. Wenn die Bahn und insbesondere das Gerüst so marode ist, wie es Herr Beyen in seinem Lichtbildervortrag vor dem Bergischen Geschichtsverein geschildert hat, warum haben die Stadtwerke dann den Inhalt dieses Buches nicht dazu verwendet, in der Öffentlichkeit Alarm zu schlagen? Die irreparablen Schäden hätten Ihnen doch damals längst bekannt sein müssen.

Was mich aber noch viel mehr überrascht, ist die Planung der Stadtwerke, noch mehr als die schon jetzt 24 Mio Fahrgäste in die Schwebebahn zu "locken", wie es in der Zeitung "Die Welt" hieß. Erst diese zusätzliche Belastung soll den 90-Sekunden-Takt erforderlich machen. Diesem wiederum soll die Statik des Gerüstes nicht mehr standhalten, weshalb es abgerissen und neu gebaut werden soll. Daraus folgt dann wieder der Abriß sämtlicher Bahnhöfe und damit landen wir schließlich beim vollständigen Neubau der Schwebebahn. Ihnen muß als kaufmännischer Direktor doch das Gutachten bekannt sein, das eine Versicherungsgesellschaft für den Neubau der Bahn hat anfertigen lassen. Darin wird Anfang der 80er Jahre ein Schwebebahn-Neubau auf 1 Milliarde DM geschätzt! Es ist mir unbegreiflich, wie man aufgrund einer selbst angestrebten Fahrgastzahlerhöhung auf geschätzte 30 Mio im Jahre 2001 ein intaktes Verkehrsmittel abreißen will, wenn man eine Entlastung der Bahn durch parallelen Einsatz von Bussen oder über eine Verdichtung des S-Bahn-Taktes ( z. B. durch eine Verlängerung der Essener Strecke bis Oberbarmen) herbeiführen kann. Der Abriß der Schwebebahn aufgrund der erhofften Fahrgastzahlerhöhung käme in der Privatwirtschaft einem Harakiri des Unternehmens gleich. Bei den Stadtwerken wird dieser finanzielle Selbstmord durch die Landesmittel verhindert. Absurd ist auch das Verhalten der WSW, unbedingt nachweisen zu wollen, daß die Schwebebahn vollständig marode sei. Kein Unternehmer wird den TÜV überzeugen wollen, daß seine Maschinen nichts mehr taugen. Aber die Stadtwerke bezahlen’s ja nicht, dem Steuerzahler präsentiert man die Rechnung. Die jährlichen Zinsbelastungen der Landeskasse aus dem Zuschuß von 450 Mio DM gehen nicht in die Kalkulationen der Stadtwerke ein.

Sehr geehrter Herr Böhm! Als Unterzeichner des Buches sollten Sie wissen, daß die Bahn ohne weiteres noch 70 Jahre auf diesem Gerüst fahren kann, wenn man die Taktfrequenz nicht auf 90 Sekunden erhöhen will. Und im Jahre 2060 können dann unsere Urenkel darüber entscheiden, ob sie eine neue Bahn - vielleicht eine Magnetschwebebahn - haben wollen, oder erneut in der Tradition der Stadt ein einzigartiges Welterbe der Menschheit erhalten wollen.

Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie uns die Fragen zur Vergabe der Aufträge zu den Kosten, der Werbekampagne und zur Finanzierung der Schwebebahn beantworten könnten. Uns interessiert vor allem von Ihrer Seite die Beantwortung der Frage 50 sowie der Fragen 68 bis 134.

Vorsorglich teile ich Ihnen mit, daß die Bahn seit Januar 1997 in der Denkmalliste der Stadt Wuppertal eingetragen ist. Wer ein Denkmal zerstört ist zu seiner Wiederherstellung verpflichtet.

Wir sagen schon jetzt voraus, daß es für 500 Mio keine neue Schwebebahn geben wird. Den Stadtwerken droht unter Umständen in wenigen Jahren durch diese Projekt der Bankrott wenn die tatsächlichen Kosten ersichtlich werden. Wird dann das Tafelsilber der Stadt Wuppertal zum Verkauf feilgeboten? Ein Neubau der Bahn ist aus finanziellen Gründen unverantwortlich. Wie konnten Sie dem Nachbau eines Nietengerüstes zustimmen? Schon in wenigen Jahren werden Sie ähnliche Korrosionsprobleme haben wie mit dem heutigen Gerüst. Wenn schon Neubau, dann hätte es ein geschweißtes Gerüst sein müssen. Die Verzinkung ist betriebswirtschaftlich ebenfalls nicht zu vertreten, da Verzinkung kaum die Haltbarkeit des Gerüstes verlängert.

Wir teilen dem Vorstand und Aufsichtsrat der WSW AG an dieser Stelle mit, daß unsere Bürgerinitiative kategorisch gegen jede Rekonstruktion von Schwebebahn-Bahnhöfen eintritt. Es wäre der absolute Gipfel der Steuergeldverschwendung intakte Bahnhöfe abzureißen und anschließend mit erheblichen Kostaufwand zu rekonstruieren. Nach dem Abriß der historischen Schwebebahn ist die neue Bahn ein wertloser Anachronismus. Derartige Projekte, die zwischen den Stadtwerken und einzelnen Vertretern des Bergischen Geschichtsvereins ausgehandelt wurden und noch werden fügen der Stadt schwersten finanziellen und ideellen Schaden zu. Bahnhöfe im "Gelsenkirchener Jugendstil" sind eine Geschmacklosigkeit. Der Vorstand des Bergischen Geschichtsvereins handelt ohne Mandat seiner Mitglieder, wenn er derartige "Verhandlungen" mit der Stadt und den WSW führt. Als Mitglied des Vereins weiß ich, daß der Vorstand der Wuppertaler Abteilung ohne Mitgliederbeschlüsse und damit ohne Vertretung handelt.

 

Mit freundlichem Gruß

 

Burkhard Stieglitz

Vors. der Bürgerinitiative

"Rettet die Schwebebahn!" e.V.

 

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