logo3.gif (24002 Byte) BURKHARD STIEGLITZ

Vorsitzender der Bürgerinitiative

"Rettet die Schwebebahn!" e.V.

Krautsberg 5

42275 Wuppertal

Tel. 0202- 550998 Fax 55849

02.04.1997

An den

Ministerpräsidenten

des Landes Nordrhein-Westfalen

Herrn

Johannes Rau

Katernberger Str. 171

42115 Wuppertal

 

 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Rau!

Vor 29 Jahren erhielten Sie zuletzt Post von mir. Damals war ich Leiter des Oberstufen-Forums am Carl-Duisberg-Gymnasium. Sie wurden als Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion von mir zu einer Podiumsdiskussion zum Thema "Wahlrechtsreform - Für und Wider zum Mehrheitswahlrecht" eingeladen. Ihr Persönlicher Referent, Herr Nordmann, sagte Ihr Kommen zum 20.Februar 1968 zu. Wir hatten mit Ihnen im Vorfeld der Podiumsdiskussion ein Gespräch zusammen mit dem Schuldirektor Dr. Klemm und dem damaligen Studienrat Roche im Direktoren-Zimmer. In dieser politisch bewegten Zeit wurde lebhaft über viele Themen der Politik diskutiert. Sie konnten damals bereits aus internem Wissen sagen, daß das Mehrheitswahlrecht nicht kommen werde.

Von meiner Verwandtschaft dürften Ihnen meine Vettern und Cousinen Heinz, Hanna, Rudi und Melitta Stieglitz sowie Liselotte Adams aus den 50er Jahren persönlich bekannt sein.

Heute ist Ostermontag, und ich schreibe Ihnen als Bürger dieser Stadt und Vorsitzender der Bürgerinitiative "Rettet die Schwebebahn!" in größter Sorge um das Wahrzeichen unserer Stadt.

Bitte lesen Sie unsere Argumente gegen den Abriß und Neubau, die wir dem Rat der Stadt in einem Appell bereits am 3. Februar dieses Jahres mitgeteilt haben. Darüberhinaus wurde der Stadtrat am 26. März 1997 von unserer Bürgerinitiative eindringlich auf ein Buch der Stadtwerke hingewiesen: "Die Wuppertaler Schwebebahn Geschichte - Technik - Kultur" aus dem Jahre 1991. Die Stadtwerke füh-

ren ihre eigene heutige Argumentation in diesem Buch aus dem Jahre 1991 selbst ad absurdum. Dieses Buch wird für alle Zeiten ein Kronzeugnis gegen den Neubau ablegen. Das Buch ist von höchster Brisanz, und wir legen es Ihnen und Ihrer Frau als Geschenk bei. Sie können die Quellenhinweise in unserem Schreiben an den Stadtrat damit unmittelbar selbst nachschlagen und auf ihre Richtigkeit prüfen. Das Buch zeigt auch die kulturelle Bedeutung der Bahn auf. Der zehnseitigen Analyse des Buches schließt sich ein Katalog von 146 Fragen zum Schwebebahnprojekt an, der Grundlage für einen Untersuchungsausschuß auch des Landtages sein könnte.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident! Die Öffentlichkeit wird über die Notwendigkeit des Schwebebahnneubaus systematisch von den Stadtwerken desinformiert. Jüngstes Beispiel ist ein Artikel in der Welt vom 27. 3.97. Darin heißt es:

"Die Stadtwerke hätten am liebsten Bahnhöfe aus Glas und Stahl, breitere Treppen und damit eine höhere Kundenfreundlichkeit. Denn mittelfristig will das Unternehmen statt bislang 75.000 täglich 100.000 Fahrgäste in die Schwebebahn locken. Die derzeitigen ‘Schmuddelecken’ in der Bahn und der Rost an den Stelzen müßten dafür ebenso beseitigt werden wie nicht mehr zeitgemäße Bahnhöfe ohne Fenster und mit starkem Durchzug, heißt es aus der Betreibergesellschaft."

Das kann man einer Hamburger Redaktion erzählen! Wir haben die Fensterfronten der Elberfelder Strecke einmal vermessen: Der Bahnhof am heutigen Robert-Daum-Platz war schon 1900 ein moderner "Glaspalast". Die Fensterfront ist durchgehend 20 Meter breit und 4 Meter hoch. Die Fensterfläche auf einer einzigen Seite beträgt also ca. 80 m²! Alle Elberfelder Bahnhöfe sind zu Kaisers Zeiten geradezu von Licht durchflutet gewesen! Was haben unsere "kundenfreundlichen" Stadtwerke daraus gemacht? Überall haben sie die Fensterfronten mit zwei, teilweise sogar mit drei riesigen Plakatwänden verstellt. In der Varresbeck verdunkeln Plakatwände von insgesamt 12 m Breite und 2,70 m Höhe den Lichteinfall. Weil schon 1900 die Barmer diese zugigen "Glaskästen" nicht wollten, wurde die Barmer Strecke im Jugendstil geplant. Dabei wurden in jedem Bahnhof auf beiden Bahnsteigen Nischen für Bänke eingebaut, die Schutz vor Zugluft bieten sollten. Diese Nischen sind heute zugebaut und Rumpelkammern. Hier könnten bei einer Renovierung sehr leicht die behindertengerechten Aufzüge eingebaut werden, ohne das Äußere der historischen Fassade zu verschandeln. Auch auf der Barmer Strecke sind die meisten Fenster mit Plakatflächen verbaut. Nun zum Stichwort "Schmuddelecken". Die Stadtwerke sollten sich schämen dieses Argument vorzutragen! Ja, dreckig ist sie, unsere Schwebebahn! Sie ist in schlechten Händen! Das Juwel unserer Stadt verrottet unter diesen "Stadt"-Werken! Nach einem halben Jahr werden die neuen Bahnhöfe genauso dreckig sein, wie es schon jetzt die Treppenaufgänge in Oberbarmen sind - von Ohligsmühle ganz zu schweigen!

Es wird mit der Schwebebahn ein intaktes zukunftsträchtiges Verkehrsmittel im Werte von 1 Milliarde DM einer sinnlosen Vernichtung übergeben. Das ist Veruntreuung von öffentlichen Geldern! Der widersinnige Abriß und Neubau der Schwebebahn ist ein Akt kommunalpolitischen Vandalismus, wie er in der Geschichte unseres Landes seinesgleichen sucht.

Wir hoffen nun auf Ihre Unterstützung. Denn Sie sind der einflußreichste Politiker in NRW und mit der Materie vertraut. Im Augenblick kann die Bevölkerung vielleicht noch über die Hintergründe dieser Kulturschande hinweggetäuscht werden. Auf Dauer wird sich die Wahrheit durchsetzen. Wir können als Bürgerinitiative zur Zeit noch nicht gegen die massive Medienkampagne der Stadtwerke ankommen, mit der die Öffentlichkeit desinformiert wird. Aber schon jetzt regt sich auch überregional bei Meinungsträgern von Geist Widerspruch und Empörung gegen das, was der Stadt Wuppertal, ihren Bürgern und der gesamten Weltöffentlichkeit mit dem Abriß dieses Kulturerbes der Menschheit angetan werden soll. Günter Grass hat bereits gegen die Zerstörung der historischen Schwebebahn mit seiner Unterschrift Stellung bezogen. Es ist einzigartig, mit wieviel Hinterlist und Hartnäckigkeit der Abriß der Bahn betrieben wird. Wer hat denn ein solches Interesse an diesem Neubau und warum? Aber wie es schon die Amerikaner sagen: "You can’t fool all the people all the time!"

Die Renovierung und damit Rettung der Schwebebahn für kommende Generationen ist ein absolutes Muß, das in der Landes- und Stadtpolitik jetzt erste Priorität haben sollte. Hier ist ein Krisenstab erforderlich. Stadt und Land und die gesamte Weltöffentlichkeit müssen vor einem irreversiblen Fehler bewahrt werden! Ihnen als einem gebürtigen Barmer muß ich nicht sagen, daß dieser sinnlose Neubau der Schwebebahn eine nie wieder heilende Wunde in dieser Stadt hinterlassen wird.

Der Abriß der Bergbahn wird heute bedauert. Der Abriß der Straßenbahn 1987 wird schon 10 Jahre danach als Fehler eingeräumt. Thalia-Theater, Lichtscheider Wasserturm, Odin-Palast, Adler-Brauerei - ihr Abriß gilt heute als "Fehler". Das Luftkurhaus ist weg, es gibt kein Planetarium mehr und jetzt kommt als unglaublicher Gipfel: der Abriß der historischen Schwebebahn! Normalerweise müßte man dies als einen schlechten Witz bezeichnen aber es stellt sich immer mehr als ein sich verwirklichender Alptraum heraus. Wir lassen uns als Bürger, die im Vorfeld der Entscheidung nicht haben mitreden können, die auch nie gefragt wurden zu dieser Verschandelung der Stadt, nicht andauernd von den Politikern im Nachhinein sagen, "leider war es ein Fehler aber nicht vorauszusehen! Jetzt kann man leider nichts mehr ändern." Die Reue kam stets zu spät, jetzt muß sie vorher kommen, um das Schlimmste noch zu verhindern.

Die Schwebebahn mit ihren historischen Bahnhöfen ist die Altstadt Wuppertals! Was bleibt uns und kommenden Generationen nach ihrem Abriß denn noch?

Oberbürgermeister Dr. Kremendahl sagte im Rat am 3. Februar 1997 mit bewegenden Worten:

"Die Wuppertaler Schwebebahn ist nicht irgendein Massenverkehrsmittel, das es in jeder anderen Großstadt gibt:

-und deshalb fehlt uns was, wenn die Schwebebahn, was ja höchst selten vorkommt, aus irgendeinem Grund einmal nicht in einer Kurve quietscht."

Diese Rede liegt im Foyer des Rathauses aus. Was meinen die Politiker eigentlich, was die Bürger daraus entnehmen? Doch wohl, daß die Bahn renoviert wird. Statt dessen erhalten wir aus der "Ideenwerkstatt Wuppertal" einen miserablen Schwebebahnverschnitt, präsentiert mit antiquiertem Nietengerüst und "supermodernen" Bahnhöfen, wo es - wenn schon ein völliger Neubau des Gerüst notwendig wäre - jeder Experte das umgekehrte empfohlen hätte: geschweißtes Gerüst und Erhalt der historischen Bahnhöfe.

Das Land NRW gibt für den Neubau einen Zuschuß von 450 Millionen DM wie der Zeitung "Die Welt" vom 27. 3. 97 erneut zu entnehmen ist. Manchmal hört man auch etwas von einem Bundeszuschuß, aber Genaues erfährt man als Bürger über das Projekt ohnehin nicht.

Herr Prof. Dr. Zemlin begründete kürzlich auf einer SPD-Veranstaltung in den Räumen der Stadtwerke in der Bromberger Straße den Neubau der Schwebebahn damit, daß man für eine Renovierung der Bahn kein Geld vom Land erhielte. Nur bei einem Neubau, ja, bei einem kapazitätserweiternden Ausbau, bekomme man erst 90% des Geldes vom Land als Zuschuß. Wir wissen, daß eine Renovierung der Bahn ca. 200 Millionen DM kosten würde. Dazu gehört insbesondere das Abstrahlen des Lackes und ein neuer Schutzanstrich. Die Bahnhöfe könnten dabei stehen bleiben. Die Träger, an denen die Bahnhöfe hängen, gehören zum Massivsten am Stahlgerüst und müssen nun wirklich nicht verschwinden. Ein Abhängen der Bahnhöfe erübrigte sich deshalb. Zum 100sten Geburtstag könnten Schwebebahngerüst und Bahnhöfe wieder im alten Glanz dastehen.

Obwohl der Neubau vier bis fünfmal so teuer sein wird wie eine Renovierung, ist für die Stadtwerke ein "Ausbau" preisgünstiger. Die Stadtwerke besitzen ein Gutachten aus den 80er Jahren und wissen genau, daß es für 500 Millionen DM keine neue Schwebebahn geben wird. Die Kostenabschätzung der Versicherungsgesellschaft belief sich schon damals auf 1 Milliarde DM !

Und zu diesem Punkt haben wir eine Frage an Sie, geehrter Herr Ministerpräsident:

Erhalten die Stadtwerke tatsächlich keinen Zuschuß zur Renovierung der Bahn, auch wenn die Renovierung von Gerüst und Bahnhöfen nur 200 Millionen, der Neubau aber

1 Milliarde DM kosten wird?

Als Steuerzahler müßte man dies als einen unglaublichen Skandal empfinden. Da würde ja die Veruntreuung von Steuergeldern auch noch subventioniert! Der Sparsame würde bestraft. Hat die Politik denn hier keine Mittel und Wege, der Schwebebahn zur Hilfe zu kommen und damit auch noch Steuern zu sparen? Zwingt man den Wuppertalern ein Danaergeschenk aus der Landeskasse auf? So etwas würde tatsächlich nicht nur einfach Politikverdrossenheit, sondern Empörung erzeugen!

Die Fahrgastzahl-"Berechnungen" der Stadtwerke für das Jahr 2001 sind rein fiktiv. Sie dienen als Begründung für die überflüssige Kapazitätserweiterung, sprich den "Ausbau". Der 90-Sekunden-Taktes ist ein Tempo-Wahn und völlig überflüssig und wird vermutlich in fünf Jahren garnicht gefahren werden, zum einen wegen der damit verbundenen Gefahren, zum anderen, weil die jetzige Fahrzeuggeneration noch voll funktionsfähig ist, sich aber für den 90-Sekunden-Takt nicht eignet. Wenn dann endlich in 25 Jahren die heutigen Wagen erneuert werden müssen, ist die Bevölkerungszahl wahrscheinlich so weit gesunken, daß sich sogar der heute schon mögliche 2-Minuten-Takt erübrigen wird.

Hat man denn nichts aus den Prognosen der 60er und 70er Jahre gelernt? Damals wurde ein phantastischer Anstieg der Stromnachfrage "wissenschaftlich" vorausgesagt. Mit dem Schwebebahnprojekt, das schon jetzt bei einem Kostenrahmen von einer Milliarde DM liegt, befinden sich Stadt und Land auf einer ähnlichen Schiene wie bei Kalkar. In vier Jahren hat die Stadt eine ungeliebte Bahn mit einer Kapazität, die niemand braucht; die Landeskasse wird um 800 Millionen Mark geschröpft, die Stadt hoch verschuldet sein. Die Verantwortlichen werden nicht mehr in Wuppertal wohnen und woanders ihre Schildbürgerstreiche verüben. Wir Bürger dürfen dann sehen, wie wir mit dieser Bahn der Schande und ihren extremen Folgekosten für Zinsen und Wartung künftig zurechtkommen.

Das alles läßt sich präzise vorhersagen. Allen Verantwortlichen und Informierten muß das Ausmaß des Desasters schon heute bewußt sein. Möge uns in wenigen Jahren nur keiner kommen und scheinheilig rufen: mea culpa! Heute kann man das Schlimmste noch verhindern.

Schon jetzt kann mit aller Bestimmtheit gesagt werden, daß der Schwebebahn-Abriß aus verkehrspolitischen und finanziellen Überlegungen heraus ganz unsinnig ist. Warum wird an dem Projekt so hartnäckig festgehalten? Fällt die Bahn der Korruption oder der Korrosion zum Opfer? Hoffentlich heißt es nicht später auch noch zum fortwährendem Ärgernis aller Bürger "Korruptionsbahn" statt "Schwebebahn". Das Bauamt sitzt ja schon zum Teil im Bau.

Der Brief wurde nicht mit der Post befördert. Wir übergeben ihn persönlich in Ihrer Staatskanzlei. Für eine Bestätigung des Schreibens wäre ich Ihnen dankbar.

Zu einem Gespräch sind wir gern bereit.

Die Zeit drängt!

In zwei Monaten soll der Abriß beginnen!

Stoppen Sie das Projekt, so wie es geplant ist!

Noch ist es nicht zu spät!

 

 

Mit vorzüglicher Hochachtung

 

Burkhard Stieglitz

Bürgerinitiative

Rettet die Schwebebahn!" e.V.

 

 

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